Wirtschaft und Beschäftigung
(DE) Wirtschaft und Beschäftigung
Seit Javier Mileis Amtsantritt im Dezember 2023 verfolgt seine Regierung eine radikale Reformagenda, die von libertären Ideen inspiriert ist und unter anderem eine erhebliche Senkung der Staatsausgaben (die sogenannte „Kettensäge“) beinhaltet. Das Ergebnis war ein früher Erfolg bei der Bekämpfung dessen, was bis dahin Argentiniens größtes wirtschaftliches Übel gewesen war: Die monatliche Inflationsrate schoss im ersten Monat seiner Amtszeit auf 25,5% in die Höhe, sank später jedoch schrittweise auf 1,5 % im Mai 2025. Dies veranlasste viele prominente Persönlichkeiten und Parteien weltweit, darunter Elon Musk und Peter Thiel sowie Politiker der AfD und der FDP in Deutschland, dazu, sich für eine Nachahmung von Mileis libertärem Experiment an anderen Orten auszusprechen. Ein umfassenderer Blick auf die Realität in Argentinien seit seinem Amtsantritt zeigt jedoch ein deutlich anderes Bild: Tausende von Unternehmen sind insolvent gegangen, Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse haben explosionsartig zugenommen, Löhne und Renten sind eingebrochen. Selbst Mileis wichtigste Errungenschaft begann sich umzukehren, da die Inflationsrate seit Mai 2025 jeden Monat stieg. Eine genaue Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass das libertäre Experiment gescheitert ist, und dass bei einer Nachahmung Vorsicht geboten ist.
Makroökonomische Indikatoren
Inspiriert von libertären Ideen, die eine vollständige Abschaffung staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft und in das gesellschaftliche Leben im weiteren Sinne fordern, verfolgte die Regierung Milei eine aggressive Sparpolitik (die sogenannte „Kettensäge“), um einen Haushaltsüberschuss zu erzielen. Laut dem Thinktank MATE sanken die inflationsbereinigten Staatsausgaben für öffentliche Bauvorhaben um 33,1%, für Sozialprogramme um 23,1%, für Rentenzahlungen um 21% und für Gehaltszahlungen um 13,9%. Die absehbare Folge war eine massive Verschlechterung der Qualität der öffentlichen Infrastruktur und Dienstleistungen sowie, wie wir weiter unten sehen werden, ein massiver Rückgang der Einkünfte von Rentner*innen und Beamt*innen.
Der Abbau des Staates wurde auch als Mittel angesehen, um das anzugehen, was gemeinhin als das Hauptproblem der argentinischen Wirtschaft gilt, nämlich die enorme Inflationsrate. Zunächst führten Mileis Maßnahmen zu einem Anstieg der Inflationsrate: Unmittelbar nach Amtsantritt wertete die Milei-Regierung den Wechselkurs ab. Die Folge war laut Daten des Nationalen Instituts für Statistik und Volkszählung (INDEC) ein explosionsartiger Anstieg der monatlichen Inflationsrate, die von bereits gigantischen 12,8% im November 2023 auf 25,5% im Dezember 2023 sprang. Nachdem die Regierung aber die Auswirkungen der Wechselkursabwertung auf die Preisentwicklung schmerzlich zu spüren bekam, änderte sie ihren Kurs hin zu einer Politik der Währungsaufwertung, um die Inflation zu kontrollieren. Seitdem sank die monatliche Inflationsrate schrittweise auf 1,5% im Mai 2025. Es schien, als trage das libertäre Experiment Früchte und bewältige erfolgreich Argentiniens langjährige Inflationsprobleme. Mileis Erfolg erwies sich jedoch als kurzlebig: Die monatliche Inflationsrate steigt seit Mai 2025 jeden Monat an und erreichte 3,4% im Mai 2026.
Makroökonomische Indikatoren
Gleichzeitig sorgte die Währungsaufwertung für einen enormen Anstieg der Importe. In Verbindung mit dem Abbau von Schutz- und Fördermaßnahmen für die heimische Produktion führte dies zur Insolvenz tausender Unternehmen, die nicht mehr mit billigeren ausländischen Waren und Dienstleistungen konkurrieren konnten. Nach Angaben des Thinktanks Fundar wurden seit Mileis Amtsantritt 24.180 Unternehmen (4,7% aller Unternehmen des Landes) geschlossen. Das Ergebnis ist überraschend, zumal sich Milei als der wirtschaftsfreundlichste Präsident der Geschichte präsentiert. Trotz der enormen diskursiven und finanziellen Unterstützung, die seine Partei von den Wirtschaftseliten Argentiniens genießt, haben sich die Unternehmen als äußerst zurückhaltend erwiesen, im Land zu investieren. Obwohl es der Regierung im Juli 2024 gelang, das Anreizprogramm für Großinvestitionen (RIGI) zu verabschieden, das Unternehmen, die mehr als 200 Millionen US-Dollar investieren, eine außergewöhnliche Bandbreite an steuerlichen, institutionellen und devisenrechtlichen Vorteilen gewährt, waren die Investitionen eine völlige Enttäuschung. Laut den Forschern Gustavo García Zanotti und Martín Schorr waren bis März 2026 nur zehn Projekte im Rahmen des RIGI genehmigt worden, die meisten davon im Bereich des Rohstoffextraktivismus wie Ölförderung und Bergbau.
Durch die Schließung von Unternehmen verloren Menschen ihre Arbeitsplätze. Die Folge war ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit: Nach Angaben des INDEC stieg die Arbeitslosenquote von 5,7% zur Zeit von Mileis Amtsantritt auf 7,5% Ende 2025. MATE schätzt, dass während Mileis Amtszeit bis jetzt 309.363 Menschen ihren formellen Arbeitsplatz verloren haben.
Die Zahlen wären noch schlechter, gäbe es nicht den Zuwachs an prekären Arbeitsverhältnissen, unter anderem in der Plattformwirtschaft. Diese Situation wird sich aufgrund der Arbeitsreform, die der Kongress im Februar 2026 verabschiedete, wahrscheinlich noch verschlimmern. Wie wir hier erläutert haben, verschlechtert diese Reform die Arbeitsbedingungen nur noch weiter und entzieht den Arbeitnehmer*innen wichtige Rechte.
Löhne und Einkommen
Die steigende Arbeitslosigkeit und die massiven Kürzungen bei den öffentlichen Ausgaben führen zusammen zu einem drastischen Rückgang der Reallöhne in der Ära Milei. Nach Angaben von MATE sind die Löhne der Beamt*innen seit Mileis Amtsantritt um 23% gesunken, während die Löhne der Arbeitnehmer*innen im privaten Sektor um 8% zurückgingen. Noch gravierender ist der Einbruch der Renten, die in realen Werten um 24% gesunken sind. Das Renteneinkommen reicht heute für viele Rentner*innen nicht mehr aus, um grundlegende Ausgaben wie für Medikamente, Lebensmittel und Miete zu decken. Infolgedessen demonstrieren Rentner*innen jeden Mittwoch und werden oft brutal von der Polizei niedergeschlagen.
